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Kleinspecht


Trotz seiner weiten Verbreitung gibt es in der neueren Literatur kaum Daten zur Biologie und Ökologie dieser Art, insbesondere im Bereich der Lebensraumnutzung und zum Aktionsradius des Kleinspechts sind viele Fragen offen. Dies gilt in besonderem Maße für den Sekundärlebensraum, die mitteleuropäische Kulturlandschaft. Für einen effektiven Schutz dieser in Hessen bestandsbedrohten Vogelart ist es jedoch unabdingbar, die Lebensweise und Lebensraumansprüche sowie die Gefährdungsursachen zu ermitteln und daraus Schutzmaßnahmen abzuleiten.

Ziel die Diplomarbeit von Kerstin Höntsch war es daher, im Rahmen von Freilanduntersuchungen im Streuobstgebiet des Main-Taunus-Kreises Grundlagendaten über den Aktionsradius und die Habitatnutzung zu gewinnen. Hierzu wurde die Methode der Telemetrie eingesetzt, was bedeutet, dass Kleinspechte mit einem kleinen Sender versehen wurden. Aus den gewonnen Kenntnissen sollten dann mögliche Schutzmaßnahmen abgeleitet werden. Im Zeitraum zwischen Dezember 1995 und Juni 1996 wurden insgesamt fünf Kleinspechte (je drei Männchen und zwei Weibchen) mit Sendern versehen und farbberingt. Die Ergebnisse zeigen, dass Kleinspechte im Jahresverlauf auf eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume angewiesen sind, wobei Streuobstbereiche und naturnahe Waldbestände eine herausragende Rolle spielen. Insgesamt betrachtet lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass es sich beim Kleinspecht um die Charakterart südhessischer Mittelgebirgslandschaften handelt. Seine Habitatansprüche im Jahresverlauf decken sich im wesentlichen mit den prägenden Strukturen dieses Landschaftstyps: laubholzdominierte Wälder, teilweise auf Grenzertragsstandorten, naturnahe Bachtäler, extensive, den Strukturreichtum fördernde Landbewirtschaftung und ausgedehnte Streuobstwiesen. Der Kleinspecht kann daher auch bei der Formulierung von Leitbildern für diese Landschaftstypen im Rahmen der Landschaftsrahmenplanung herangezogen werden (Höntsch 1996).
Die Arbeit von Kerstin Höntsch fand in der Fachwelt ein reges Interesse und eine hohe wissenschaftliche Anerkennung: Sie wurde mit dem Deutschen Preis für Wildtierforschung ausgezeichnet.

Wie in den meisten wissenschaftlichen Untersuchungen üblich, warfen die Ergebnisse von Kerstin Höntsch neue Fragen zur Biologie des Kleinspechts auf. Vor allem die Brutbiologie, d.h. die Bedürfnisse der Art während der Brutzeit, war weitgehend unbekannt. Durch die Arbeiten von Kerstin Höntsch angeregt, setzte sich Eva Rosmanith mit den offenen Fragen zur Brutbiologie und Nahrungsökologie des Kleinspechts in ihrer Diplomarbeit auseinander. Die vertiefende Untersuchung, insbesondere des Zusammenhangs zwischen Nahrung, Bruterfolg und Habitatnutzung, liefert eine wichtige Grundlage für Arten- und Biotopschutzmaßnahmen sowie für die Bewertung von Eingriffen in den Lebensraum der Kleinspechte. Auch in der Untersuchung von Eva Rosmanith wurden Spechte mit kleinen Sendern versehen (radiotelemetriert), um ihre Aktionen nachvollziehen zu können. Es zeigte sich, das Kleinspechte für die Anlage ihrer Bruthöhlen totes Holz benötigen. Die Nahrung der Jungen (Nestlinge) bestand hauptsächlich aus Pflanzenläusen, Raupen, Schnaken und holzlebenden Insektenlarven. Dabei hatten Paare, deren Jungvögel mit einen hohem Anteil an aufsitzenden Raupen gefüttert wurden, einen höheren Bruterfolg. Auch ein früher Legebeginn wirkt sich positiv auf den Bruterfolg aus. Die Untersuchung lässt den Schluss zu, dass extensiv genutzte Streuobstwiesen einen wichtigen Lebensraum für Kleinspechte darstellen, da sie dieser Art eine Rückzugsmöglichkeit vor dem Buntspecht und durch die verschiedenen Obstsorten einen reich strukturierten Lebensraum bieten, was sich positiv auf das Nahrungsangebot auswirkt. Ein Erhalt der für Hessen so typischen extensiv genutzten Streuobstwiesen ist aber nicht nur für den Kleinspecht wichtig, sondern auch für viele weitere Arten, wie z.B. Wachtelkönig, Steinkauz und Wendehals, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind.

Bereits in der Arbeit von Eva Rosmanith ergaben sich Hinweise darauf, dass der Buntspecht gerade während der Brutzeit einen starken Einfluss auf den Kleinspechtbestand hat, in dem er als Räuber und ggf. auch als Höhlenkonkurrent auftritt. Ein nicht unerheblicher Teil der Kleinspecht-Bruthöhlen war von Buntspechten aufgehackt und die Brut entweder selbst gefressen oder an die eigenen Jungvögel verfüttert.

Oliver Wölflik befasste sich in seiner Diplomarbeit daher mit der Frage, ob die Anwesenheit bzw. Nähe von Buntspechten die Bruten von Kleinspechten gefährden. Obwohl sich die Habitatpräferenzen beider Spechtarten unterscheiden (Buntspechte bauen ihre Höhlen in Hölzer jeden Zustands meist im Wald, Kleinspechte bevorzugt in Totholz von Streuobst oder Ufergehölzen), zeigen die Ergebnisse der Arbeit, dass Kleinspechte, die bei der Wahl ihres Bruthöhlenstandortes in die ökologische Nische des Buntspechts geraten, einem erhöhten Prädationsrisiko ausgesetzt sind. Der Abstand der Kleinspechthöhle zum nächsten Wald scheint damit eine große Rolle bei der Vermeidung von Prädation zu spielen. Die Ergebnisse der Diplomarbeit unterstreichen die Notwendigkeit des Schutzes extensiver Streuobstwiesen für den Schutz des Kleinspechts.

Aufgrund der durch die verschiedenen Diplomarbeiten aufgeworfenen Fragen, hatte sich Kerstin Höntsch 2001 entschlossen, gerade auch im Hinblick auf naturschutzfachlich relevante Fragen von Forstwirtschaft und Naturschutz, ihre wissenschaftliche Arbeit fortzuführen. Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie das Thema Autökologie des Kleinspechts Picoides minor ausführlich behandelt. Insbesondere die Schwerpunkte Lebensraum und Lebensraumanspruch, Lebensraumnutzung, Höhlenökologie, Lautäußerungen und Partnerschaftssysteme sind in diesen Untersuchungen detailliert bearbeitet worden. Mit modernen statistischen Methoden konnte Kerstin Höntsch erstmals nachweisen, dass die Geschlechter anhand ihrer Rufe unterschieden werden können. Die Männchen rufen im Durchschnitt mit einer signifikant höheren Frequenz, längeren Pausen und längeren Elementen als die Weibchen. Es waren sogar individuelle Unterschiede zu erkennen, die einzelne Individuen unterscheiden ließen. Die Aktionsräume waren mit 211 ha im Winter, 131 ha in der Balzzeit und 27 ha in der Brutzeit für den nur spatzengroßen Specht außergewöhnlich groß. Es zeigte sich auch, dass die Kleinspechte in der Lage sind, einen hohen Grad an Fragmentierung ihres Lebensraumes zu tolerieren. Die Habitatwahl der Kleinspechte wird von zwei wesentlichen Bedürfnissen geprägt, zum einen von dem Vorhandensein nahrungs- und deckungsreicher Lebensräume im Winter und zum anderen von dem Vorhandensein eines großen Totholzangebotes zur Anlage der Brutröhren. Häufigster Höhlenstandort waren Obstbäume, aber auch Ufergehölz wirde zur Anlage der Bruthöhlen genutzt.
Um den Kleinspecht in unserer Landschaft zu erhalten, müssen neben dem Schutz klassischer Streuobstanbaugebiete auch unsere Wälder eine spürbare Veränderung des Waldbaus erfahren. Notwendig ist eine deutliche Strukturanreicherung durch Erhalt und Schaffung weichholzreicher Vorwaldstadien begleitet von einer kleinräumiogen Nutzungsvielfalt und einer Anreicherung von Totholz.

Weitere Ergebnisse der Kleinspechtforschung der Licher Stipendiaten sind auf einer eigenen Homepage dargestellt: www.kleinspecht.de

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