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Biber


Auf Anfang der 70er Jahre gehen die Initiativen der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz – insbesondere des damaligen Schriftführers und späteren Vorsitzenden Willy Bauer – zurück, die vor 400 Jahren in Hessen ausgerottete Art wieder einzubürgern. Nach zahlreichen Diskussionen, Gesprächen mit Fachleuten, verschiedenen Bereisungen bestehender Biber-Lebensräume und potentieller Biotope in Hessen und vor allem nach intensiver Überzeugungsarbeit bei den für Natur- und Artenschutz zuständigen Stellen wurden 1987 und 1988 insgesamt 18 Biber im Hessischen Spessart ausgesetzt.
Die Biber haben sich vermehrt und ausgebreitet; ihre Aktivitäten sind unübersehbar. Die für Auen typische Leitart versteht es meisterhaft, das Wasser in der Landschaft zu halten, Abflüsse zu verzögern und vermag demnach viele Fehler bei der Umgestaltung der Landschaft zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion und Verbesserung der Agrarstruktur heute zu kompensieren. Die naturnahe Gestaltung der Auen durch Mithilfe des Bibers ist eine Leistung, die man nur bewundern kann! Mit dem Biber einen Schritt zurück zu naturnäheren Flussauen!
(H.P. Goerlich (1998) Gedanken zur Wiedereinbürgerung des Bibers – aus der Sicht des ehrenamtlichen Naturschutzes. In: 10 Jahre Biber im hessischen Spessart. HLFWW (ed), Gießen 1998).

Nachdem sich die Biber im Spessart vermehrt und ausgebreitet hatten, war es 1995 an der Zeit, den Einfluss von Bibern auf die Biotopstrukturen eines Mittelgebirgsbaches zu untersuchen. Mark Harthun machte sich in seiner Diplomarbeit 1996 daran, die Biberlebensräume wissenschaftlich zu erforschen. Der Biber schafft durch Dämme kleine Seen und Nasswiesen im Auenbereich. So entsteht ein Mosaik verschiedenster Lebensbedingungen, die neben den Tierarten des fließenden Wassers auch den Arten des stehenden Wassers eine Chance gibt. So kam es während der Untersuchungen zu einem Anstieg der Artenzahl von Libellen von 3 oberhalb des Biberreviers auf 18 Arten innerhalb des Reviers. Die Zahl der Wasserschnecken schnellte von 2 auf 10 Arten im Biberrevier hoch. Selbst bei Insekten, die besonders stark auf fließendes Wasser angewiesen sind, kommt es zu einer Zunahme der Artenvielfalt. Während oberhalb eines Reviers nur 5 Köcherfliegenarten vorkamen, waren es im Biberrevier 22. Die geschaffenen Stillgewässer bieten gleichzeitig Lebensraum für Amphibien und Wasservögel. Vom Fischreichtum der Biberseen profitiert der Eisvogel. Was für Tiere gilt, gilt auch für die Pflanzen. In den stehenden Bereichen entwickeln sich Wasserpflanzen, die im schnell fließenden Bach nicht wachsen können. Biberseen existieren im Mittelgebirge in der Regel nur 5-8 Jahre. Nach dem Ablaufen bleibt fruchtbarer Schlamm auf den Wiesen zurück. Zuerst stellt sich eine Pioniervegetation ein mit Pflanzenarten, die teilweise vom Aussterben bedroht sind. Später entstehen Biberwiesen, die eigentlich keine Wiesen sondern Hochstaudenfluren sind. Diese Brachflächen sind aber wesentlich artenreicher als Vergleichsbrachen oberhalb der Biberwiese. Wuchsen hier 24 Pflanzenarten, so waren es auf der Biberwiese 39. Biberdämme werden aus Ästen, Lehm, Pflanzen und Steinen gebaut. Im Spessart konnte nachgewiesen werden, dass ein Damm um 9 cm pro Nacht an Höhe gewinnen kann. Der höchste Damm betrug 1,60 m. Durch Stauungen können angrenzende Wiesen vernässt werden. Unter Umständen wird eine landwirtschaftliche Nutzung dadurch unmöglich.
Das Fazit von Mark Harthun nach Abschluss seiner Arbeit lautete: Die einzigartige Gestaltung der Aue und die beeindruckende Steigerung der Artenvielfalt bekommen wir nur, wenn wir dem Biber Platz für seine Entfaltung gewähren. Die Population im Spessart wächst erstaunlich schnell. Von hier aus wird in den nächsten Jahren die Wiederbesiedlung Hessens erfolgen.
(Mark Harthun, schriftl.)

Die Forderung von Mark Harthun, die Auen auf die Rückkehr des Bibers vorzubereiten, nahm die HGON gerne auf, nicht zuletzt um eventuell auftretenden Konflikte in einer von uns Menschen intensiv genutzten Auenlandschaft bereits im Vorfeld auszuschließen. Im Rahmen eines von der Stiftung Hessischer Naturschutz und der Emmy-Wolff-Stiftung unterstützen Projekts wurden 1996-1997 die Auen des Kinzigeinzugsgebietes, in die bereits Biber eingewandert waren, sowie die Auen des Landrückens zwischen Kinzig- und dem Fulda-Einzugsgebiet auf ihre Bibertauglichkeit untersucht. Gleichzeitig wurden Vorschläge für eine Verbesserung der Fließgewässerstrukturen gemacht, um so die Ausbreitung der Tiere zu unterstützen.

Ergänzend zu diesem Projekt waren Stipendiaten des Licher Stipendiums 1997 an Fulda und Eder damit beschäftigt, die Biberhabitateignung festzustellen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Ulrich Simmat untersuchte die Eder von der Staumauer bis zur Mündung sowie einige Nebenbäche, Beschka Siehl verglich in ihrer Diplomarbeit an der Fulda die Ergebnisse mit anderen Wiederansiedlungsprojekten in Deutschland.

Die Wiederansiedlung des Bibers in Hessen lag nun 10 Jahre zurück. Zwischenzeitlich hatte sich die hessische Population weiter stabilisiert, d.h. die Tiere vermehrten sich in ausreichendem Maße, ohne dass neue Individuen zusätzlich ausgesetzt werden mussten. Insgesamt waren 1997 etwa 120 Biber im Hessischen Spessart bekannt. Diese erfreulich positive Bestandsentwicklung führte dazu, dass einzelne Jungtiere bereits das Aussetzungsgebiet verließen und in Nachbargewässersysteme abwanderten. Hieraus ergaben sich sowohl aus rein wissenschaftlichen Gründen als auch aus naturschutzpraktischer Sicht wichtige Fragen, die mit Hilfe einer weiteren Diplomarbeit geklärt werden sollten: (1) Wie sind die Verwandtschaftsverhältnisse des Europäischen Bibers, (2) besteht die Gefahr einer Inzuchtdepression in den isolierten Populationen, die sich aus nur kleinen Ausgangsbeständen entwickelt haben. Genetische Analysen können Aufschluss darüber geben, ob Bestandsstützungen durch Umsiedlung von Bibern unterschiedlicher europäischer Herkunft innerhalb Deutschlands zur Stabilisierung des Genpools der Art notwendig sind oder ob die mitteleuropäische Unterart in Deutschland anerkannt und als solche erhalten werden sollte. Dieser schwierigen Problematik widmete sich Anne-Christin Kohler, die ebenfalls im Rahmen des Licher Stipendiums von der HGON unterstützt wurde.

Die Bestandsentwicklung des Bibers innerhalb der letzten Jahre veranschaulicht deutlich sowohl das hohe Ausbreitungspotential dieser Art als auch die große Adaptationsfähigkeit an unsere Kulturlandschaft. In jüngster Zeit beleben Konflikte zwischen der anthropogenen Flächennutzung und den Habitatansprüchen des Bibers die Diskussion um die Integrationsfähigkeit des Lebensraumgestalters. Gerade im Spessart konnte in den letzten 17 Jahren ein starker Populationszuwachs festgestellt werden, Der hieraus resultierende Populationsdruck führte bereits zu einem Abwandern des Bibers in suboptimale Lebensräume. Um das Nebeneinander von Biber und Mensch zu ermöglichen und bereits im Vorfeld der Besiedlung Konflikte mit anderen Landnutzern zu vermeiden, ist es daher notwendig, ein geeignetes Artenmanagement zu konzipieren. Kernelement ist hierbei die Identifikation bibergeeigneter Biotope mit geringem Konfliktpotenzial. Zudem sollten zielgerichtete Aussagen über die Lebensraumeignung möglicher Ausbreitungszentren und –richtungen des Säugers und ggf. vorbereitende Maßnahmenvorschläge zur Konfliktprävention enthalten sein.

In der Praxis bestanden bereits zahlreiche Verfahren zur Untersuchungen von Lebensräumen auf ihre Eignung als Biberhabitate. Diese Verfahren wurden auch den o.g. Untersuchungen angewandt. Allerdings fehlte es an großräumigen Ansätzen, die eine hohe Aussagegenauigkeit liefern, ohne auf eine zeitaufwendige Geländearbeit angewiesen zu sein. Auf der Basis der Hessischen Gewässerstrukturgütekartierung hat das Auenzentrum der HGON daher durch Verschneidung von abiotischen Faktoren und ökologischen Ansprüchen des Bibers eine EDV-gestützte Bewertungsmethodik entwickelt, die anhand einer kartografischen Übersicht landesweit Biber-geeignete Auenabschnitte ausweist.
(Hugo R (2000) Integrierte Gewässerinformationssysteme – Der Biber. Jahrbuch Natursch Hessen 5: 75-80)

Ende 1999 begannen Stefan John und Andreas Klein in Ergänzung der früheren Untersuchungen von Mark Harthun ihre Diplomarbeit, mit der sie den Einfluss von Bibern auf die Flussdynamik und Bachauenge-staltung im Spessart, also auf fluvialmorphologische und hydrologische Veränderungen hin untersuchen. Auch diese beiden Diplomarbeiten werden im Rahmen des Licher Stipendiums gefördert. Nachdem durch das Integrierte Gewässerinformationssystem – Biber potentiell geeignete Biberhabitate auch im Taunus entdeckt wurden, läuft derzeit eine Verifizierung dieser Erkenntnisse vor Ort. Auch hier haben die beiden Stipendiaten bei der Durchführung der jetzt abgeschlossenen Untersuchung mitgeholfen.

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