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Harte Schale, weicher Kern - die Bachmuschel


Vielfach ist heute nur noch aus historischen Quellen bekannt, dass intakte Fließgewässer neben den Meeresbiotopen typische Lebensräume von Muscheln sind. Während früher Süßwassermuscheln in großer Anzahl den Grund von Bächen, Flüssen und Stillgewässern besiedelten, sind ihre Vorkommen in den letzten hundert Jahren drastisch zurückgegangen. Gründe für diese Rückgänge sind in der zunehmenden Verschmutzung, dem Ausbau und der wenig ökologischen Form der Gewässerunterhaltung zu suchen.

Die Gruppe der Flussmuscheln (Najaden) ist in Hessen mit 7 Arten vertreten, wobei alle in der Roten Liste Hessen in unterschiedlichen Gefährdungsgraden aufgeführt werden. Neben der Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) und der Strommuschel (Pseudanodonta complanata) wird auch die Bachmuschel in der Gefährdungskategorie 1 - vom Aussterben bedroht eingestuft. Die Ursachen für das Verschwinden dieser Tiere waren fast überall dieselben. Zum einen wurde ihr Lebenselement, das Wasser, übermäßig mit Abwässern und Giften belastet. Zum anderen gingen durch Laufbegradigungen und die Befestigung von Ufer und Sohle viele ruhige und geschützte Lebensräume verloren. Inzwischen sind die meisten Gewässer sehr viel sauberer geworden und vielerorts gibt es Bestrebungen, den Gewässern wieder ihren natürlichen Lauf zurückzugeben. Gewässer, in denen heute noch Flussmuscheln leben gehören zu den wertvollsten Bestandteilen einer Landschaft.

Die Entwicklung der Bachmuscheln ist eng an das Vorhandensein bestimmter Fischarten gebunden. Nur an den für die einzelnen Muschelarten spezifischen Wirtsfischen kann sich die Muschellarve, das Glochidium, zu einer Jungmuschel entwickeln. Die Larven, die in den Kiemen der weiblichen Muscheln heranreifen, werden vom Muttertier ins freie Wasser ausgestoßen. Die Glochidien heften sich an Kiemen oder Flossen eines Fisches, wobei das jeweilige Fischgewebe die Larve umwuchert und sich die Larve in dieser Cyste zur Muschel umwandelt. Die Dauer dieser Metamorphose ist temperaturabhängig. Nach Ausbildung der Jungmuscheln fallen diese von ihrem Wirtsfisch ab, graben sich ins Sediment ein und wachsen dort heran. Während dieser Entwicklung ist die Überlebensrate der Muscheln sehr gering (Bei der Flussperlmuschel schließen z.B. weniger als 10 von einer Milliarde Glochidien ihre Entwicklung von der Larve zur fortpflanzungsfähigen Muschel ab.)
Lechner S (1997) Populationsökologische Untersuchungen der Bachmuschel Unio crassus (Philippson 1788) im Einzugsgebiet der hessischen Kinzig. Freiburg.

Mit der Diplomarbeit von Stefanie Lechner sollten Wissensdefizite über die autökologischen Ansprüche der Bachmuschel abgebaut, Gefährdungsursachen ermittelt und Kenntnisse für den Schutz dieser bestandsbedrohten Tierart gewonnen werden. Untersuchungsgebiet waren zwei Bestände im Einzugsgebiet der hessischen Kinzig, die bereits 1987/88 schon einmal erfasst wurden. Als Ergebnis der Arbeit konnten in den Jahren seit 1990 dramatische Bestandsrückgänge von bis zu 95 % auf um die 100 Tiere in den beiden Untersuchungsgewässern ermittelt werden. Zudem waren beide Bestände überaltert, bildeten aber dennoch infektiöse Glochidien aus, die sich auch an den Wirtsfischen (Elritzen und Bachforellen) festhefteten. Die Dichte geeigneter Wirtsfische war allerdings sehr gering, so dass nur wenige Glochidien tatsächlich zu Jungmuscheln heranreifen können. Neben der geringen Wirtsfischdichte wurden als weitere Gefährdungsfaktoren auch die hohen Ton- und Schluffanteile sowie der hohe Humusgehalt des Sediments ermittelt, die den Jungmuscheln ein Überleben nicht ermöglichen dürften.
Lechner S (1999) Biologie und aktuelle Bestandssituation der Bachmuschel (Unio crassus) in Hessen. In: Fricke W, Pitzke-Widdig C (1999)(eds) Schutz bedrohter Tierarten in den Fließgewässern Mittelhessens. Ber NZH Akad, Wetzlar: 9-11

Das insgesamt negative Ergebnis der Arbeit von Stefanie Lechner bzgl. der Bestandsentwicklung zweier hessischer Bachmuschelpopulationen initiierte weitere Aktivitäten zum Schutz dieser heimischen Fließgewässerart. Aus der Diplomarbeit wurde ein landesweites Projekt.

In einem Gutachten zur aktuellen Bestandsituation der Flussmuscheln in Hessen, das 1997 im Auftrag des Auenzentrums Hessen der HGON und mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Hessischer Naturschutz von dem Muschelspezialisten Dr. K.O. Nagel erstellt wurde, zeigte sich, dass die Situation für den Fortbestand der Bachmuschel äußerst kritisch ist. Die Bachmuschel war aus fast allen vorher bekannten Standorten verschwunden. Von ehemals 15 Fundpunkten waren nur noch 4 vorhanden. In einem der untersuchten Bäche lebte nur noch ein einziges Tier. Überraschenderweise wurde aber in einem Bach im Vogelsberg, der seit über vierzig Jahren nicht mehr untersucht worden war, die Art wiederentdeckt. Dort lebt mit etwa 10.000 Tieren der zur Zeit größte Bestand in Hessen. In diesem Gewässer herrschen noch gute Bedingungen für den Erhalt und die Vermehrung der Bachmuschel, soweit unterstützende Maßnahmen erfolgen. Nach Aussagen des Gutachters steht für die Rettung der Bachmuschel jedoch nur noch wenig Zeit zur Verfügung, da der Altersaufbau als ungünstig anzusehen ist (sehr geringe natürliche Reproduktion, überwiegend Tiere über 8 Jahre, Lebenserwartung 15-20 Jahre). Die aufgrund bisheriger Kenntnisse vordringlichen Maßnahmen sind Bestandsstützung und -ausweitung in geeigneten Nebengewässern durch die ‘Infektion’ geeigneter Wirtsfische. Diese können dann gem. den Ergebnissen vorlaufender Habitatuntersuchungen zur Ausbreitung und Wiederansiedlung der Bachmuschel ausgebracht werden.
Nagel KO (1997) Flussmuscheln: Bestandsentwicklung und Schutzmöglichkeiten in Hessen. Mitt AZH 1/1997: 61-72
Nagel KO (1999) Gefährdung der Großmuscheln in Mittelhessen und wissenschaftliche Artenschutzkonzepte. In: Fricke W, Pitzke-Widdig C (1999)(eds) Schutz bedrohter Tierarten in den Fließgewässern Mittelhessens. Ber NZH Akad, Wetzlar: 12-20

De Empfehlungen von Dr. Nagel wurden aufgegriffen und ein Projekt zum Erhalt und zur stützenden Ausbreitung der Bachmuschel im Einzugsgebiet des größten hessischen Vorkommens begonnen. Unterstützt wird dieses seit 1999 vom Auenzentrum Hessen der HGON betriebene Projekt dankenswerter Weise von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt von 1858 – Hilfe für die bedrohte Tierwelt e.V. Projektleiter ist Arno Schwarzer. Zunächst wurde die tatsächliche Populationsgröße und die Altersstruktur des Bestands ermittelt. Ausgewählte Fortpflanzungsparameter (z.B. Bestimmung der Befruchtungsrate der Eier) sowie chemisch-physikalische Wasserparameter zu unterschiedlichen Jahreszeiten wurden ebenso erfasst, wie die muschelrelevanten Parameter der Fließgewässermorphologie. Aufgrund dieser Grundlagendaten konnten dann die dringendsten Schutzmaßnahmen abgeleitet und durchgeführt werden. Hierzu gehörten eine Infektion und das Ausbringen infizierter Wirtsfische in einen geeigneten Seitenbach. Diese Bestandsausweitung wurde als ein Mittel der Bestandsstützung angesehen, da das Ursprungsgewässer in den letzten Jahren mehrfach trocken fiel und mit aufwendigen Sammelaktionen z.B. 1999, mehrere tausend Tiere vor dem Vertrocknen gerettet werden mussten. Gleichzeitig erfolgte eine Beratung der betroffenen Kommune hinsichtlich erster Schutzmaßnahmen wie Uferrandstreifenkauf oder Extensivierung von umliegenden Auenflächen mit dem Ziel, langfristig eine Verbesserung der Gewässerstruktur für die Bestandssicherung der Muscheln zu erreichen. 2000 wurden neben Erfolgskontrollen der Besatzmaßnahmen bereits der Anschub von strukturverbessernden Maßnahmen vorangetrieben. Es wurde eine begradigte und vom sommerlichen Trockenfallen bedrohte Bachstrecke strukturell verbessert, indem Vertiefungen und Kolke wieder angelegt und die Substratdiversität erhöht wurde. In verschiedenen Vorträgen wurde die ortsansässige Bevölkerung über die Besonderheiten ihres Dorfbaches aufgeklärt; in der Regionalpresse wurde über die Müllsammelaktion mit Schulklassen und die Aufklärung über den Bachmuschellebensraum ausführlich berichtet. In einer Auflage von 80000 Exemplaren, verteilt in den Haushalten in ganz Mittelhessen wurde in einer mehrseitigen Kundenzeitschrift des regionalen Stromversorgers ausführlich über das Bachmuschelrettungsprojekt berichtet.

Parallel zu den Bemühungen in diesem Einzugsgebiet wurden im gesamten Lahnsystem die Grundlagen für Wiederansiedlungsmaßnahmen gelegt und erste Ansiedlungen mit glochidieninfizierten Elritzen durchgeführt. Die Umsetzung der Renaturierungsmaßnahmen ist erfolgreich angelaufen, aber keineswegs abgeschlossen. Es ist noch eine Vielzahl von Maßnahmen umzusetzen. Die Mittel dafür müssen akquiriert und die entsprechenden Genehmigungen eingeholt werden. Des weiteren ist die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt fortzuführen. Verschiedene Vorhaben wie z.B. Informationsveranstaltungen oder Faltblätter sind bereits geplant. Da 2001 die Auswahl geeigneter Wiederansiedlungsgewässer abgeschlossen wurde, können nun diese Gewässer verstärkt mit Bachmuscheln (bzw. infizierten Fischen, Jungmuscheln oder ausgewachsenen Tieren) besetzt werden.

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